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Monatsinterview

Oktober 2018 der GVV-Redaktion
mit dem Vorsitzenden der Betriebsgruppe BVG in der GVV

DIE MISERE BEI DER BVG (AöR)

Der Senat von Berlin bereitet den Nahverkehrsplan 2019 bis 2023 vor. Weitere Veränderungen im öffentlichen Nahverkehr sind nicht nur nach dem Mobilitätsgesetz zu erwarten. Aktuell werden die Konzepte zum Ausbau der Angebote zum Straßenbahnnetz, der Buslinien und des U-Bahn-Netzes diskutiert. Im vergangenen Sommer sind Beschäftigte der BVG mit offenen Briefen an die Öffentlichkeit getreten, um auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Der Vorstand der BVG hat mit zwei veröffentlichten Briefen darauf geantwortet. Wir haben den Vorsitzenden der Betriebsgruppe BVG in der GVV, Mario Hafermann, zum gegenwärtigen Stand der Auseinandersetzung befragt:

Redaktion: Im Sommer traten Beschäftigte der BVG mit offenen Briefen an die Öffentlichkeit, um auf die miserablen Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Was ist seither im Bereich der U-Bahn geschehen?

Mario Hafermann: Einige wenige Züge der Gattung IK wurden ausgeliefert, während ältere Zuggattungen in etwa der gleichen Anzahl aus dem Personenverkehr gezogen wurden, so dass sich die Anzahl der Züge nicht / nicht merklich erhöht hat. Nach wie vor ist dies negativ im täglichen Fahrgeschäft wahrzunehmen.

Redaktion: Bei der Aufbereitung der Vorstandsaktivitäten fiel auf, dass der Vorstand nichts zur Kritik an den Personalproblemen ausgesagt hat (z.B. Besetzung der Dienste, Personalmangel, Dienstplangestaltung, Tagesbesetzung der Fahrzeuge durch die Leitstelle, Taktveränderungen). Damit sind wesentliche Dinge öffentlich nicht angesprochen worden.

Mario Hafermann: Der Inhalt der Vorstandsbriefe ist oberflächliches Blabla, und geht in keinster Weise ernsthaft ein auf die Belange der Arbeitnehmervertreter, also der Belegschaft. Es wird größtenteils den Anmerkungen der Arbeitnehmer widersprochen, wobei die tägliche Praxis / der Alltag eher die Aussagen der Belegschaft bekräftigen. Der eigens dafür in den Medien veröffentlichte anberaumte Termin zur Besprechung der Problematik am 21. August 2018 wurde bereits Monate vor dem Brandbrief der Arbeitnehmervertreter vereinbart und hatte insofern mit dem Brandbrief selbst nichts zu tun. Die BVG-Chefin Nikutta ließ übrigens verlauten, dass sie die Einladungen zu den Personalversammlungen 2018 nicht annehmen wird.

Redaktion: Kann aber davon ausgegangen werden, die für die Kollegenschaft wichtigen Sachen wurden Intern mit den Personalvertretungen besprochen, sind Ergebnisse bereits feststellbar?

Mario Hafermann: Die Problematiken existieren bereits wachsend seit Jahren, bedingt insbesondere durch die massiven Sparmaßnahmen, dem Erreichen und Aufrechterhalten der sog. „schwarzen Null“ im Wirtschaftsplan. Diese Problematiken wurden in ihren Entstehungen bereits in den vergangenen Personalversammlungen angeprangert, Verbesserungen sind nicht eingetroffen und werden in Kürze auch nicht eintreffen. Dafür hält die Chefin zu sehr an ihren Sparmaßnahmen fest, wobei sie offensichtlich dem Berliner Senat sehr entgegen kommt.

Redaktion: Dann sind die Verteiler der Vorstandsbriefe aufgefallen. Als einzige Gewerkschaft wird ver.di als Adressat aufgeführt, obwohl im Gesamtpersonalrat auch andere Gewerkschaften vertreten sind.

Mario Hafermann: Die Personalratsgremien (örtliche Personalratsgremien ebenso wie das GPR-Gremium) sind durchzogen von Verdianern, die leider Gottes noch immer in den Gremien die Mehrheit stellen. Die Brandbriefe der Straßenbahner und der U-Bahner sind ebenfalls nur unterschrieben von den „ver.di-Personalräten“, jenen Konsorten, die aus unserer Sicht mit ihren Mehrheitsentscheidungen die jetzigen Zustände großenteils mit zu verantworten haben. So sind z.B. einzelne Vorstandsmitglieder in den Personalratsgremien auch Mitglied im Aufsichtsrat und hätten bereits bei der Entstehung der Misere an dieser Stelle explizit auf die Problematiken hinwirken können und müssen.

Redaktion: Die Personallage ist besonders unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsschutzes und zur Gesundheitsförderung zu betrachten. Dazu ist nichts bekannt geworden. Im Geschäftsbericht 2017 der BVG haben wir hierzu nichts gefunden.

Mario Hafermann: Der drastische Personalmangel zieht auch betriebsintern Problematiken nach sich, zum Beispiel hohe Mehrbelastungen an jede/n einzelne/n Mitarbeiter/in, was ebenfalls zu einer höheren Anzahl bei den Krankentagen mit anschließenden „Krankenrückkehrgesprächen“ führt, worauf Beschäftigte vermehrt achten, damit sie nicht ihre Arbeitsplätze verlieren. Bei der Urlaubkoordinierung ist die Anzahl derer sehr stark begrenzt, die gleichzeitig in den Urlaub gehen können. Die flexible Arbeitszeitregelung ist quasi hinfällig, da Überleistungen nicht abgebummelt werden können, um hier nur einige Problematiken zu benennen.

Redaktion: Welche Beispiele kannst Du benennen, um die Personalmisere bei der BVG zu beschreiben?

Mario Hafermann: Eltern, die zur Einschulung ihrer Kinder Sonderurlaub beantragt haben, denen wurde dieser nicht gewährt, so dass diese Eltern sich krankschreiben ließen, um der Einschulung ihrer Kinder beiwohnen zu können. Einer alleinerziehenden Mutter (Kind 7 Jahre alt) wurde an einem Brückentag der Sonderurlaub zur Betreuung ihres Kindes abgelehnt, so dass diese Mutter in ihrer Verzweiflung das Kind mit auf Arbeit brachte, aber dadurch ihrer Tätigkeit als Zugfahrerin nicht nachkommen konnte. Der Mutter wurde seitens der Dienststelle vorgeworfen, die Gesundheit des Kindes aufs Spiel gesetzt zu haben (Stichwort Zertifikat „Familienfreundliches Unternehmen).Zum Jahresende verlassen wieder etliche junge gut ausgebildete Mitarbeiter/innen (im hohen zweistelligen Bereich) das Unternehmen im Bereich Fahrdienst, um sich in anderen Betrieben zu bewerben, in denen sie weitaus mehr Geld verdienen für weitaus weniger zu tragender Verantwortung.

Die Einführung des Tarifvertrages Nahverkehr Berlin (TV-N Berlin) durch die tarifführende Gewerkschaft ver.di im Jahre 2005 ist aus unserer Sicht maßgeblich mit verantwortlich für die heutige Misere bei der BVG …